03.04.2021 Impulswerkstatt: auf Steinstufen am Meer

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2021/04/02/einladung-zur-impulswerkstatt-april/

Steinstufen aus löchrigem Beton führen vom Ufer zum Meer. Seit Tagen sitzt Fridolin jeden Abend hier und sucht im sanften Rauschen der Wellen Vergessen. Er war so wütend gewesen. Und jetzt würde er sie nie wieder sehen. Möwen kreisen über ihm. Er zieht Brot aus seiner Tasche, bricht ein Stück davon ab und wirft es ins Meer. Unter lautem Gekreische stürzt sich die Meute auf den Leckerbissen. Ein bisschen lächelt er und teilt das Brot in viele Stückchen. Für eine Weile füllt die Gier der Vögel seine Leere. Dann taucht die Erinnerung wieder auf:

Geld hatte für ihn nie eine Rolle gespielt. Er konnte darin schwimmen. Doch abgesehen davon, dass er teure Autos fuhr, lebte er bescheiden. „Geld darfst du nicht verschwenden“, hatte sein Vater ihn gelehrt. „Geld soll für dich arbeiten und muss sich vermehren. Was nicht wächst, das stirbt und dann stehst du da als Bettelmann.“ An Vaters Ratschläge hatte er sich stets gehalten und sein Vermögen wuchs und wuchs. Bis Eva kam. Sie hatte eine Vorfahrt nicht beachtet und seinen nagelneuen Porsche gerammt.

Wow, ist das ein Auto!“, entfuhr es ihr, als sie wie eine Prinzessin ihrem Wagen entstieg. Dann fing sie an, den Porsche zu streicheln. Er war verwirrt und wütend zugleich, griff nach seinem Handy und rief die Polizei. So hatte alles angefangen, und als die Polizei endlich eintraf, war er Eva verfallen. Der schönsten Frau, der er je begegnet war.

Der Schaden ließ sich regeln und Eva teilte von nun an sein Leben. Ein halbes Jahr lang lag er ihr zu Füßen und las jeden Wunsch von ihren Lippen ab. Kostbarer Schmuck und teure Kleider, Frühstück in Paris und Shopping in London. Nichts war ihm zuviel. Sie hatte Zugriff auf sein Konto und sogar eine Yacht erwarb er für sie. Doch dann fing er an, sich zu besinnen. Wie aber konnte er Eva zur Besinnung bringen? „Das Leben ist da, um es zu genießen!“, konterte sie, wenn er zum Sparen riet. Da sie aber auch zu spielen beliebte, lenkte sie mit einem Vorschlag ein:

Meinen nächsten Wunsch werde ich in ein Rätsel kleiden. Ich verzichte auf ihn, wenn es dir gelingt, ihn zu erkennen. Gelingt es dir nicht, musst du ihn mir erfüllen.“ Zögernd willigte er ein und Eva hub an: „Zum größten Baum der Erde zieht es mich hin, um unter Sternen zu leuchten. Wo Schwarzes sich in Gold verwandelt, soll ein Platz für mich sein!“ „Ich möchte für eine Woche zu meiner Schwester“, meinte sie dann noch, „solange hast du Zeit, das Rätsel zu lösen.“

Im Rätselraten war er nicht bewandert. Zunächst versuchte er herauszufinden, welches denn der größte Baum der Erde sei. Im Netz entdeckte er den „General Sherman Tree“, einen Riesenmammutbaum, der in Kalifornien wächst, vermutlich mehr als 2000 Jahre alt. „Ein Platz in Kalifornien könnte Eva gefallen“, dachte er sich, „und bei den Sternen hat sie wohl von Hollywood geträumt.“ „Schwarzes Gold dürften Sklaven sein“, setzte er seine Überlegungen fort, und schon war er sich seiner Sache sicher.

Falsch, falsch!“, rief Eva, als er ihr seine Lösung präsentierte. Sie zog eine Postkarte aus ihrer Tasche und zeigte sie ihm. Eine riesige Palme, aus Sand ins Meer geschüttet, konnte man auf ihr erkennen. Kein Mammutbaum der Welt konnte diese Palme toppen. „Ich wusste, dass es dir nicht gelingen würde, das Rätsel zu lösen“, triumphierte Eva und fuhr fort: „Statt bei meiner Schwester, bin ich in Dubai unter all den Reichen und Schönen gewesen und habe mich schon einmal umgeschaut. Die Appartements auf der Palme waren bereits vor der Fertigstellung ausverkauft, aber ich hatte Glück. Eine Maklerin hat mir ein besonders Schönes mit Meerblick gezeigt, das wieder zum Verkauf angeboten wird. Ich habe sofort zugeschlagen. Der Kauf ist perfekt.“

Und mit welchem Geld?“, platzte er heraus. „Mit deinem natürlich. Du hast mir doch Vollmacht auf dein Konto gegeben“, gab Eva ohne Anzeichen von einem schlechten Gewissen zur Antwort. Da erwachte er wie aus einem Traum. Evas Schönheit sah er nicht mehr. „Raus hier, raus!“, schrie er sie an, „ich will dich nie wieder sehen. Verschwinde aus meinem Leben!“ Ungerührt fing Eva an, ihre Koffer zu packen. In Dubai war sie einem Scheich begegnet. Jeden ihrer Wünsche würde er erfüllen, sollte sie seine Geliebte werden. Das hatte er ihr versprochen.

Fridolin fährt sich mit der Hand übers Gesicht. Die Möwen sind weitergezogen neuem Futter entgegen. Es ist spät geworden und Sonne taucht das Meer in rotes Gold. Langsam steht er auf. Auf ihn wartet ein leeres Haus.

Eva würde er nie vergessen.

19 Gedanken zu „03.04.2021 Impulswerkstatt: auf Steinstufen am Meer

  1. hollaholle

    Wowh, eine bewegende Geschichte … und vielleicht ein Abgesang auf den zu Anhäufung verlockenden Materialismus, der Menschen, auf die Höhe der Welle treibt, um dann, wenn sie sich bricht, in den Abgrund zu reißen.

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    1. Leela Autor

      Fridolins Abgrund ist seine Einsamkeit. Er liebte Eva über alles. Etwas ganz Neues ist mit ihr in sein Leben getreten. Es war aber nur kurze Zeit mit ihm kompatibel. Ihre Wege mussten sich trennen, sie waren zu verschieden….

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    1. Leela Autor

      ich bin mir nicht so sicher, ob der äußere Schein wirklich trügt. Ich denke, es gibt einen Zusammenhang zwischen Außen und Innen. Ein Innen, das das Außen formt. Aber nicht jeder Betrachter erkennt es. Meist verhindert eine Brille aus Vorurteilen ein genaues Hinsehen. Dann wird nur die Oberfläche erkannt, die dem Vorurteil entspricht.

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  2. Myriade

    Die Moral von der Geschicht: man sollte gut auf seine Bankdaten aufpassen 🙂 Freut mich, dass du in der Impulswerkstatt mitschreibst! Wenn du deine Beiträge aber nicht verlinkst, kann es passieren, dass ich sie nicht finde und das wäre doch schade.

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    1. Leela Autor

      Wenn ich Dubai höre taucht vor meinen Augen zuerst ein schmuddeliges, heruntergekommenes Flughafengebäude auf. Stunden um Stunden saßen wir dort in der drückenden Hitze und warteten auf den Weiterflug. Wie sich alles in so kurzer Zeit so verändern konnte ist kaum fassbar. Wenn ich jetzt Fotos von Dubai sehe, denke ich an Babylon oder Sodom und Gomorrha.

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